Meistens läuft es so: Du schaust dir ein Video an, zum Beispiel zur Pentatonik. Du bekommst erklärt, wie das geht und wo du greifst, und du greifst vielleicht mit. In dem Moment ist das okay. Du hast dein Verständnis und deine Übungen, die kannst du machen.
Das Problem ist nur: Das reicht meistens nur für den Moment. Gehst du zwei Wochen später noch einmal ran und hast alles vergessen, suchst du wieder ein Video. Mit etwas Glück findest du genau das, was dir schon einmal gefallen hat. Wenn nicht, nimmst du eben ein anderes. Auch das ist okay, kostet aber jedes Mal wieder Zeit. Genau diese fehlende Struktur ist einer der Haken beim Gitarrelernen mit YouTube.
Aus dem Video echte Übungen machen
Sinnvoller ist es, aus einem Video, das dir zusagt, tatsächliche Übungen zu bauen – etwas, das bleibt, statt jedes Mal neu gesucht werden zu müssen. Wie das aussehen kann, zeige ich an einem Beispiel, an dem ich gerade selbst dran bin: Ich will Everybody Hurts von R.E.M. lernen.
Das passende Video finden
Dafür schaue ich mir nicht nur ein Video an, sondern mehrere, und vergleiche sie. Ich habe schon eine Vorstellung davon, was ich greifen kann und wie es klingen soll. Danach entscheide ich, wo ich mitgehe.
Musikalisch ist dieser Song ziemlich einfach. Trotzdem muss ich erst jemanden finden, der ihn so erklärt, wie ich ihn haben will. Und selbst dann übernehme ich nicht alles eins zu eins: Beim G-Griff weiche ich zum Beispiel von den meisten Videos ab. Manche greifen ihn mit vier Fingern, ich mit drei. Dabei bleibe ich, egal was ein Video zeigt – der kleine Tonunterschied ist mir egal. Die Frage, wie nah man dabei am Original bleiben sollte, ist mir schon bei einem anderen Song begegnet.
Zusätzlich schaue ich, ob es zum Song noch etwas Passendes gibt, zum Beispiel eine Tabulatur, um zu sehen, wie das Stück insgesamt aufgebaut ist.
Durchspielen – und sehen, wo es hakt
Sobald ich die passende Quelle habe, spiele ich das Stück einmal durch. Dabei zeigt sich schnell, wo die Fehler liegen und wo ich noch nicht sattelfest bin.
Bei diesem Lied war das Zupfmuster leicht. Das muss ich mir nicht aufschreiben, das merke ich mir von selbst. Auch die Griffe kenne ich. Normalerweise würde ich sie notieren, aber hier sind sie so einfach, dass ich sie mir ebenfalls merke.
Nur die Übergänge kommen in die Tabulatur
Was bei mir nicht von allein hängen bleibt, sind die Übergänge. Genau die schreibe ich mir in einer eigenen Tabulatur auf. Der Wechsel von D auf G bereitet mir zum Beispiel Probleme: Ich schaffe ihn nicht schnell genug.
Dafür habe ich einen Trick gefunden. Der letzte Ton vor dem Wechsel – eigentlich mit dem Zeigefinger gegriffen – wird einfach leer gespielt. Das verschafft mir genau diesen einen Ton lang Zeit zum Umgreifen, und es funktioniert gut. Genau so habe ich es mir in der Tabulatur notiert: mit dem leeren Ton als festem Teil des Zupfmusters.
Das gleiche Prinzip nutze ich beim Übergang von G auf E-Moll und von A-Dur auf E. Dort stecken kleine Bassläufe drin, die mir ebenfalls nicht leicht von der Hand gehen. Auch die landen in der Tabulatur.
Der Trainingsplan im Gitarrentrainer
Statt das Ganze auf einem Zettel zu sammeln, trage ich es in meinen Gitarrentrainer ein und baue mir daraus eine konkrete Übung, einen Trainingsplan:
- 10 Minuten Übergang von D auf G
- danach Übergang von G auf E
- und Übergang von A-Dur auf E
Das sind meine Baustellen, an denen ich wirklich arbeiten muss.
Den ganzen Song üben? Nicht nötig.
Was ich dabei bewusst nicht mache: den ganzen Song üben. Denn Gitarre spielen ist nicht das Gleiche wie gezieltes Üben. Ich weiß zwar, weil ich es mir einmal notiert habe, dass der Wechsel von D auf G im Lied dreimal vorkommt. Für das Üben selbst ist das aber nicht relevant.
Stattdessen nehme ich mir die schwierigen Teilbereiche heraus, schreibe sie auf und übe genau die. Ein Video brauche ich dafür nicht mehr. Anhören kann ich mir das Lied zwischendurch, wenn ich mag, aber zum eigentlichen Üben ist das nicht nötig. Aus dem Lehrvideo habe ich genau das herausgeholt, was ich üben muss: diese Wechsel. Damit bin ich dann tage- oder sogar wochenlang beschäftigt, wenn es nicht auf Anhieb klappt.
Übe das, was du nicht kannst
Das klingt banal: Übe das, was du nicht kannst. Trotzdem muss man sich das manchmal bewusst machen. Such dir den Teilbereich heraus, den du nicht beherrschst, und übe genau den. Was du schon kannst, musst du nicht üben.
Im Intro des Lieds kommt der Wechsel von D auf G dreimal vor. Ich muss dabei gar nicht wissen, dass es genau dreimal ist. Ich muss nur zwischen den beiden Akkorden hin- und herwechseln können: D, G, D. Mehr braucht es nicht.
Wie machst du das? Schreibst du dir auch Dinge auf und suchst dir gezielt die schwierigen Stellen heraus, um nur die zu üben? Oder gehst du ganz anders vor? Schreib es mir gern in die Kommentare.

